Zwischen Vergangenheit und Panorama – Auf Napoleons Spuren im Thurgau

 

Manchmal sind es nicht die höchsten Gipfel, sondern die leisen, sanft geschwungenen Wege, die einen Tag besonders machen. Der Napoleonturm-Rundweg im Thurgau gehört zu jenen Pfaden, die nicht auf Dramatik setzen, sondern auf Weite, Stille – und Perspektive. Zwischen Wäldern, Streuobstwiesen, kleinen Weilern und offenen Feldern erzählt dieser Weg von Landschaften im Wandel, von Aussicht und Einsicht.

 

Wir freuten uns auf eine Wanderung, die sich behutsam durch das ländliche Thurgau zieht – mit dem markanten Napoleonturm als Höhepunkt. Der hölzerne Turm auf einer kleinen Anhöhe verspricht weite Sicht bis in die Alpen. Schon jetzt kündigte sich ein Tag voller Naturbegegnungen, Vogelstimmen und sanfter Höhenmeter an. Wir reisten mit Bahn und Bus zur Haltestelle Hattenhausen, Golfpanorama, wo unsere Rundwanderung begann.

 

Zunächst folgten wir der kleinen Strasse in westlicher Richtung, vorbei am Hotel Golfpanorama. Bald entdeckten wir die erste Markierung unseres Rundwegs – das grüne Schild mit Turm und Gemeindewappen. Ab hier war klar: Dieser Weg würde uns heute durch Felder, Wälder und Weiler begleiten.

 

Ein Natursträsschen am Waldrand leitete uns sanft entlang der Baumgrenze. Vögel zwitscherten, der Blick schweifte über die offene Landschaft. Nach wenigen Minuten bog der Weg in den Wald ab und führte uns hinab ins Wolfstobel – ein stiller Einschnitt mit Bachlauf und Holzbrücke. Früher war dies der Kirchweg nach Lipperswil. Heute liegt der Ort ruhig und verwunschen im Schatten alter Bäume.

 

Hier nahm 1664 der sogenannte „Wigoltinger Handel“ seinen Ausgang – ein Streit, der zwei Männern das Leben kostete und fast einen inneren Konflikt in der Eidgenossenschaft auslöste. Kaum zu glauben, wenn man heute in dieser friedlichen Umgebung unterwegs ist.

 

Der Weg stieg wieder an und mündete in ein breites Forststrässchen. Wir verliessen den Wald und gelangten zum kleinen Weiler Ifang. Felder und vereinzelte Bäume bestimmten das Bild. Zwischen Ifang und Fischbach verläuft heute ein Pilgerweg. Ob tatsächlich Pilger auf dem Weg nach Einsiedeln hier vorbeikamen, lässt sich nicht sicher sagen. Aber Funde wie ein Pilger-Medaillon mit dem Gnadenbild von Einsiedeln, Knöpfe von napoleonischen Uniformen und eine Münze aus Augsburg geben der Geschichte Gewicht – vielleicht sogar mit Bezug zu Louis Napoleon.

 

Diese kleinen Hinweise auf die Vergangenheit gaben dem Weg eine besondere Tiefe. Still und unspektakulär begleitete uns die Landschaft, doch sie hatte viel erlebt.

 

In Fischbach führte uns die Route durchs Dorf, vorbei am Fischbächlerweiher, dann weiter auf einen Wald zu. Der Weg wurde schmaler, verwandelte sich in einen schönen Pfad, der sich durch das Dickicht schlängelte. In Räbenacker verliessen wir den Wald und traten in eine offene Wiesenlandschaft. Obstbäume standen vereinzelt entlang des Weges, das Licht war weich, der Himmel weit.

 

Ein Bänkli an aussichtsreicher Stelle bot sich für eine Rast an – mit Blick über das sanft gewellte Thurgauer Hügelland. Bei guter Sicht reicht der Blick von hier bis zu den Alpen. Der Napoleonturm war zwar noch nicht erreicht, aber die Stimmung war schon jetzt geprägt von Weite und Ruhe.

 

Weiter ging es durch Helsighausen, ein kleines, ruhiges Dorf. Hier entdeckten wir in einem Hofladen eine kleine Kühltruhe mit Glacé – eine willkommene Erfrischung, die wir für später mitnahmen. Auf dem Weg zum Turm grüsste uns zu unserer Überraschung eine überdimensionale Napoleonfigur, die mitten am Wegrand stand und uns mit strengem Blick „empfing“. Danach führte der Weg erneut in den Wald, leicht ansteigend auf einem Forstweg. Bald erreichten wir Hohenrain, und wenig später kam der Napoleonturm in Sicht – ein moderner Holzturm, 40 Meter hoch, aus Lärchenholz gebaut. Seine kubische Form wirkt zugleich schlicht und eindrucksvoll.

 

Ein erster Turm stand hier bereits 1829 – vermutlich errichtet durch einen französischen Offizier in Erinnerung an Napoleon. Der heutige Bau wurde 2017 eingeweiht und ist seither ein beliebter Aussichtspunkt.

 

Wir betraten das Innere und begannen den Aufstieg über die zahlreichen, sich spiralförmig windenden Stufen. Der Turm ist geschlossen gebaut – mit nur schmalen Lichtschlitzen –, sodass sich der Blick erst ganz oben auf der Plattform öffnet. Dort reicht die Sicht weit über den Bodensee, ins Appenzellerland, zu den Voralpen und – bei klarer Sicht – bis tief in die Alpenkette hinein.

 

Zurück am Boden gönnten wir uns am Fuss des Turms das in Helsighausen gekaufte Glacé – eine perfekte Erfrischung nach dem Aufstieg. Danach setzten wir den Weg fort, zunächst durch offene Felder, dann vorbei an Gunterswilen, bevor wir in südlicher Richtung weitergingen. Schnurgerade führte eine kleine Strasse auf das Wäldchen Agisholz zu, wo wir an einem lauschigen, schattigen Plätzchen eine kurze Rast einlegten. Danach setzten wir unseren Weg fort, das Wäldchen am Rand passierend, und erreichten bald wieder Hattenhausen.

 

Der Rundweg schloss sich – und vor uns lag erneut das Hotel Golfpanorama, wo unsere Tour am Morgen begonnen hatte. Eine runde Sache – im doppelten Sinn.


Fazit: Eine ruhige, aussichtsreiche Rundwanderung im Thurgau mit historischem Flair und weitem Blick vom Napoleonturm.

11.9 km, 230 Höhenmeter, ca. 3 h Gehzeit – Start und Ziel bei Hattenhausen, Golfpanorama.

 

Rundweg Napoleonturm (Hattenhausen- Hohenrain - Hattenhausen)

Napoleonturm
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